Schlusspunkt

Was ein Assessment mit einem macht

Wie reagiert man, wenn unter Zeitdruck plötzlich jede Entscheidung zählt und das eigene Führungsverhalten genau beobachtet wird? Dieser persönliche Erfahrungsbericht zeigt, warum ein Assessment herausfordernd sein kann und zugleich eine wertvolle Chance bietet, die eigenen Stärken und Entwicklungsfelder besser kennenzulernen. 

Acht Uhr morgens, ein Sitzungszimmer, ein Flipchart, zwei Personen, die mich freundlich begrüssen und mir gleichzeitig unmissverständlich klarmachen, heute wird beobachtet. Ich hatte in den Tagen davor mehrmals überlegt, was mich erwartet. Jetzt sitze ich da, Kaffee in der einen Hand, Unterlagen in der anderen, und merke, wie mein Puls einen Takt schneller schlägt als sonst.

Die erste Aufgabe kommt schneller, als mir lieb ist. Fünfundzwanzig Minuten Vorbereitungszeit für eine Präsentation zu einer komplexen Ausgangslage. Ich beginne zu schreiben, zu streichen, neu zu strukturieren. Die Zeit läuft sichtbar mit, auf einer Uhr, die jemand bewusst gut sichtbar aufgestellt hat. Ich merke, wie ich unter diesem Druck automatisch anfange zu priorisieren, Dinge wegzulassen, die ich in Ruhe sicher noch eingebaut hätte. Die Präsentation selbst läuft. Ich bin einigermassen zufrieden. Dann kommen die Rückfragen. Und die sitzen. Nicht unfreundlich, aber genau dort, wo ich selber gespürt hatte, dass meine Antwort zu wenig konkret geblieben war. Man kann sich davor kaum schützen. Wer hinsieht, sieht auch die Lücken.

Der Moment, der mich am meisten überrumpelt, folgte nach der Pause. Ich betrete den Raum für ein «strukturiertes Gespräch», so stand es im Programm. Stattdessen sitzt mir eine «meiner» Führungspersonen gegenüber, die sichtlich am Anschlag ist. Verzweifelt, frustriert, mitten in einem Konflikt im eigenen Team. Keine Ansage, keine Schonfrist. Die Assessorin spielt das mit einer Ernsthaftigkeit, die mich für eine Sekunde vergessen lässt, dass es eine Simulation ist. Genau in diesem Moment merkt man, wie man tatsächlich reagiert. Nicht, wie man es sich am Vorabend zurechtgelegt hatte. Kurz nach fünf ist der Tag vorbei.

Ein paar Tage später kommt der Bericht. Ich lese ihn zuerst schnell, dann noch einmal langsam. Es steht dort, dass ich Konflikte ruhig und mit einer wertschätzenden Klarheit angehe, die mein Gegenüber ernst nimmt, ohne die eigene Position zu verlieren. Das freut mich, und es bestätigt etwas, das ich von mir zu wissen glaubte, aber nie so benannt bekommen hatte. Gleichzeitig steht dort auch, dass ich in angespannten Situationen dazu neige, Verantwortung eher zu teilen als sie klar zu übernehmen. Das trifft mich mehr, weil es stimmt. Niemand in meinem beruflichen Alltag hätte mir das so direkt gesagt. Vorgesetzte tun das selten, aus Rücksicht oder aus eigenem Interesse. Menschen, die einen nur diesen einen Tag beobachten und einem beruflich nichts schulden, können ehrlicher sein.

Ich habe den Bericht eine Weile liegen lassen. Dann wieder hervorgeholt. Aus einem Satz darin ist eine kleine Gewohnheit entstanden, die ich seither bewusst pflege «einen Entscheid klar benennen», bevor ich ihn vertage. Es klingt banal. Im Alltag verändert es einiges.

Ein Assessment ist kein Tag, den man übersteht. Es ist ein halber Tag, an dem einem jemand ohne Umwege den Spiegel vorhält. Unbequem, streckenweise, aber vor allem eines, ein Geschenk, das man sich im hektischen Berufsalltag selten macht. Ich bin aus diesem Tag nicht als andere Person herausgegangen, aber als eine, die genauer weiss, worauf sie bauen kann und woran sie weiterarbeiten will. Das ist mehr, als ich mir davon erhofft hatte.

von Esen Özkan Kul

Frau im Assessment mit zwei Beobachtenden und Spiegelbild